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Kategorie: Einführung

Imaginationen vom Hindukusch

Imaginationen vom Hindukusch

Was ist es, dass mich bis heute an Afghanistan so fasziniert? Ist es der Name dieses zentralasiatischen Landes? Seine Abgeschiedenheit und Lage? Die grandiose Natur mit weitläufigen Hochebenen, feuchtheißen Tälern und den überwältigend hohen Gebirgszügen des Hindukusch? Ja, die natürlichen Gegebenheiten dieses wunderschönen Landes haben sich mir unauslöschlich eingeprägt. Es ist Kargheit gepaart mit Erhabenheit, Strenge und Härte in den extremen Ausprägungen der jeweiligen Jahreszeiten und ihr immer wiederkehrender Wechsel. Die Schönheit eines warmen Frühlingstages in Kabul mit blühenden Mandelbäumen und üppig-grünen Gärten und Parkanlagen bleibt mir ebenso im Gedächtnis wie die Eindrücke, die monatelang tief verschneite Berge, sich unter den Schnee duckende Lehmhäuser und durch den Schneematsch quälende frierende Menschen auf Fahrrädern hinterlassen.

Was mich am meisten an diesem einmalig schönen Land beeindruckt, sind seine Menschen. Es ist, als hätten Afghaninnen und Afghanen seit jeher ein besonders schweres Schicksal zu tragen. Man sieht es ihnen förmlich an. Das wechselhafte Auf und Ab der Geschichte ihres Landes hat tiefe Spuren in den Gesichtern und kollektive Traumata in ihrer Psyche hinterlassen. Ich bin nie zuvor so vielen Menschen begegnet, aus deren dunklen Augen ich so viel tiefes Wissen um die Schwere des Lebens erkennen konnte. Selbst Kinderaugen schauen einen wissend an. Es ist, als ob das harte Schicksal dieser Nation und die widrigen Umstände des täglichen Lebens in die Gesichter gezeichnet sind und spiegeln, was ist. Gleichzeitig habe ich niemals zuvor eine so große Anzahl von Menschen kennen gelernt, die im wahrsten menschlichen Sinne schön zu nennen sind. Die Augen der Menschen, die einem in Afghanistan ansehen, haben oft schon alles gesehen, was menschenmöglich ist. Aber sie strahlen eine ungebrochene Würde aus, Hoffnung und Zuversicht. Selten habe ich Frauen allen Alters so grazil auf hochhackigen Schuhen und nur durch dünne Nylonstrümpfen vor der Kälte geschützt durch den Schneematsch gehen sehen, als im winterlichen Stadtbild von Kabul. Und sehr oft sind mir junge und ältere Männer aus unterschiedlichen Schichten und den verschiedensten Regionen des Landes begegnet, die selbst bei größter Hitze darauf achten, dass ihre Langhemd-Hosenkombination untadelig gebügelt ist.

Afghanistan, seine Geschichte, seine Gesichter und das Schicksal der Menschen, denen ich begegnet bin, berühren und bewegen mich deshalb weiterhin. Es sind vier Jahrgänge junger Germanistinnen und Germanisten, denen ich im täglichen Umgang an der Universität Kabul in den Jahren 2002 bis 2007 begegnete und die sich neugierig, weltoffen und mit Begeisterung und teilweise großem Talent der deutschen Sprache, Literatur und Kultur öffneten. Im Dialog mit ihnen konnte ich erahnen, welches menschliche Potential, welch enorme positive Kreativität und gestaltende Kraft diese Generationen junger Afghaninnen und Afghanen des 21. Jahrhunderts haben. Meine afghanischen Kolleginnen und Kollegen, die ihre Rolle als Mittler zwischen den Kulturen, Erzieher und Begleiter dieser jungen Studentengeneration mit großem Ernst und trotz aller Entbehrungen und Widrigkeiten mit großem Enthusiasmus leben, haben mich nachhaltig beeindruckt. Sie bleiben mir Vorbild und Ansporn.

Ich kehrte aus Afghanistan zurück und nahm einen Wissensschatz mit. Dieser Schatz bestand aus einigen Büchern, die Afghanistanreisende geschrieben haben und die teilweise längst vergriffen sind. Ich begann also, alte Reiseberichte, Erzählungen und Romane von deutschsprachigen Autoren zu suchen und zu sammeln. Heute füllen rund 150 Bücher aus verschiedenen Epochen und zu verschiedenen Themenbereichen Afghanistans das alte hölzerne Vertiko meiner Großmutter. Das Vertiko steht unverwüstlich im Wohnungsflur und hat schon diverse Umzüge miterlebt. Die Bücher begleiten mich um die Welt. Und manchmal setze ich mich vor das Vertiko, öffne die beiden Flügeltüren, atme für einen Moment den wunderbaren Geruch nach Holz und Papier ein und streiche mit dem Finger über all die Buchrücken, die dort auf vier Regalbrettern im geheimnisvollen Halbdunkel warten und verheißungsvolle Titel tragen.

Und nun, zehn Jahre, nachdem ich das erste Buch entdeckt habe, packe ich diese wartenden Schätze aus: Ihrem Erscheinungsdatum folgend, werde ich in chronologischer Folge die Bücher vorstellen und mir dabei die Frage stellen, welches Bild von Afghanistan sie vermitteln. Was erfahren wir durch diese Werke über Afghanistan? Welche Bilder von diesem bemerkenswerten Land prägen und hinterlassen die Texte deutschsprachiger Autorinnen und Autoren? Welche Geschichten erzählen die Bücher über Afghanistan und die jeweilige Zeit und welchen Imaginationen der Menschen und Geschehnisse begegnen wir durch diese Texte?

Meinen Blog widme ich den Studentinnen und Studenten der Germanistik an der Deutschabteilung der Universität Kabul der Jahrgänge. Ihr Schicksal liegt mir am Herzen und Ihnen bleibe ich in Dankbarkeit verbunden.

In Kürze folgt an dieser Stelle meine erste Buchvorstellung…