Browsed by
Kategorie: Buchvorstellung

Humboldts Afghanistanbild

Humboldts Afghanistanbild

Faszination Afghanistan - Folge 2 Humboldt

Wie sieht der weltweit bekannte deutsche Universalgelehrte Alexander von Humbold in der Mitte des 19. Jahrhunderts Afghanistan? Welches Afghanistanbild vermittelt er in seinen Texten? Eine Fundstelle stelle ich heute vor. Sie stammt aus seinem berühmten Spätwerk „Kosmos“ (5 Bände, 1845-1862).

Im 1847 in Stuttgart und Tübingen bei Cotta erschienenen Werk „Kosmos. Entwurf einer physischen Weltbeschreibung untersucht Humboldt in einem ersten Teil den „Reflex der Außenwelt auf die Einbildungskraft: Dichterische Naturbeschreibungen.“(S. 3). Der Autor beginnt eine Reise nach innen:

„Jetzt betrachten wir den Reflex des durch die äußeren Sinne empfangenen Bildes auf das Gefühl und die dichterisch gestimmte Einbildungskraft. Es eröffnet sich uns eine innere Welt. Wir durchforschen sie, nicht um in diesem Buche von der Natur zu ergründen, — wie es von der Philosophie der Kunst gefordert wird —, was in der Möglichkeit ästhetischer Wirkungen dem Wesen der Gemüthskräfte und den mannigfaltigen Richtungen geistiger Thätigkeit zukommt; sondern vielmehr um die Quelle lebendiger Anschauung, als Mittel zur Erhöhung eines reinen Naturgefühls, zu schildern, um den Ursachen nachzuspüren, welche, besonders in der neueren Zeit, durch Belebung der Einbildungskraft so mächtig auf die Liebe zum Naturstudium und auf den Hang zu fernen Reisen gewirkt haben.“

Humboldt beschäftigt zunächst die Frage, was die „unvertilgbare Sehnsucht nach der Tropengegend“ bewirkt, die er als Zeitgeistphänomen Mitte des 19. Jahrhunderts in seinen Kreisen ausmacht. Er sieht den Ursprung dieses Fernwehs in bleibenden sinnlichen Erfahrungen, die während der Kindheit gemacht und damit tief verinnerlicht werden:

„…erinnern wir zuerst an die mehrfach sich wiederholende Erfahrung, daß oft sinnliche Eindrücke und zufällig scheinende Umstände in jungen Gemüthern die ganze Richtung eines Menschenlebens bestimmen. Kindliche Freude an der Form von Ländern und eingeschlossenen Meeren, wie sie auf Carten dargestellt sind, der Hang nach dem Anblick der südlichen Sternbilder, dessen unser Himmelsgewölbe entbehrt, Abbildungen von Palmen und libanotischen Cedern in einer Bilderbibel können den frühesten Trieb nach Reisen in ferne Länder in die Seele pflanzen.“ (S. 5)

Humboldt kann auch die eigenen Kindheitsimpulse benennen, die seine Sehnsucht nach fernen Ländern begründet haben:

„Wäre es mir erlaubt eigene Erinnrungen anzurufen, mich selbst zu befragen, was einer unvertilgbaren Sehnsucht nach der Tropengegend den ersten Anstoß gab, so müßte ich nennen: Georg Forster’s Schilderungen der Südsee-Inseln; Gemälde von Hodges die Ganges-Ufer darstellend, im Hause von Warren Hastings zu London; einen colossalen Drachenbaum in einem alten Thurme des botanischen Gartens bei Berlin. Die Gegenstände, welche wir hier beispielsweise aufzählen, gehörten den drei Classen von Anregungsmitteln an, die wir früher bezeichneten: der Naturbeschreibung, wie sie einer begeisterten Anschauung des Erdenlebens entquillt, der darstellenden Kunst als Landschaftmalerei, und der unmittelbaren objectiven Betrachtung charakteristischer Naturformen.“ (S. 5)

Humboldt setzt sich mit der ihm bekannten Weltliteratur auseinander und klassifiziert die ihm bekannten indische Literatur als „überreich“ und „naturbeschreibende Poesie“:

„Die überreiche dichterische Litteratur der Inder lehrt, daß zwischen den Wendekreisen und denselben nahe, südlich von der Himalaya-Kette, immer grüne und immer blüthenreiche Wälder die Einbildungskraft der ost-arischen Völker von je her lebhaft anregten, daß diese Völker sich zur naturbeschreibenden Poesie mehr noch hingeneigt fühlten als die im unwirthbaren Norden bis Island verbreiteten ächt germanischen Stämme.“ (S. 32)

Über klimatischen Bedingungen des „südliche Asien“ – und damit meint Humboldt neben Persien auch Afghanistan und das heutige Pakistan – schreibt Humbold:

„Eine Entbehrung oder wenigstens eine gewisse Unterbrechung des Naturgenusses ist aber auch den beglückteren Klimaten des südlichen Asiens eigen. Die Jahreszeiten sind schroff von einander geschieden, durch Wechsel von allbefruchtendem Regen und staubig verödender Dürre. In Persien (der west-arischen Hochebene) dringt die pflanzenleere Wüste mannigfach busenförmig in die gesegnetsten Fruchtländer ein. Waldung bildet oft in Mittel- und Vorderasien das Ufer der weitgedehnten inneren Steppenmeere. So gewähren dem Bewohner jener heißen Klimate die räumlichen Verhältnisse des Bodens in horizontaler Richtung denselben Contrast der Oede und des Pflanzenreichthums als in senkrechter Richtung die schneebedeckten Bergketten von Indien und Afghanistan. Großartige Contraste der Jahreszeiten, der Vegetation und der Höhe sind aber überall, wo eine lebendige Naturanschauung mit der ganzen Cultur und den religiösen Ahndungen eines Volksstammes verwebt ist, die anregenden Elemente dichterischer Phantasie.“ (S. 32)

Humboldt benennt „großartige Contraste der Jahreszeiten, der Vegetation und der Höhe“ als Grund für die aus seiner Perspektive „dichterische Phantasie“ der Poeten Mittel- und Vorderasiens, die ihm durch die Lektüre von Übersetzungen der Werke von Hafis, Nezāmi, Rumi u.a. durch Joseph von Hammer-Purgstall und Friedrick Rückert bekannt waren.

Aus dieser Beschreibung der „großartigen Contraste der Jahreszeiten, der Vegetation und der Höhe“ lässt sich aus heutiger Sicht die Neugierde und Weltoffenheit des Universalgelehrten Alexander von Humboldt herauslesen. Humboldt wäre gerne nach Kabul gereist, wie er 1811 notierte. Aber leider kam ihm der Napoleon-Feldzug von 1812 in die Quere. So ist und bleibt Afghanistan für Humboldt ein Sehnsuchtsort. Ein Land, das er gerne tatsächlich bereist hätte.

Quellenangaben:
In: Humboldt, Alexander von: Kosmos. Entwurf einer physischen Weltbeschreibung.
Bd. 2. Stuttgart u. a., 1847. In: Deutsches Textarchiv
http://www.deutschestextarchiv.de/humboldt_kosmos02_1847/4, abgerufen am 29.05.2016, S. 31 f.

Humboldt, Alexander von: Kosmos. Entwurf einer physischen Weltbeschreibung.
Bd. 2. Stuttgart u. a., 1847. In: Deutsches Textarchiv
http://www.deutschestextarchiv.de/humboldt_kosmos02_1847/4, abgerufen am 29.05.2016.

Bildquelle: http://www.deutschestextarchiv.de/humboldt_kosmos02_1847/4

Wippchen’s sämmtliche Berichte

Wippchen’s sämmtliche Berichte

Faszination-Afghanistan-Folge-1-Wippchen
Mein heutiger erster Beitrag stellt ein Buch vor, dass der Schriftsteller und Satiriker Julius Stettenheim 1885 in Berlin veröffentlichte.

Der Herausgeber stellt darin einen Feuilletonisten vor, der in „Briefen aus Bernau“ das Zeitgeschehen des späten 19. Jahrhunderts kommentiert.
Die Kunstfigur „Herr Wippchen“, mit der Julius Stettenheim Berühmtheit erlangte, schreibt als „Kriegsberichterstatter“ u.a. auch über den zweiten Anglo-Afghanischen Krieg (1878-1880).

Meine Analyse zum Download als PDF (572 KB):
Faszination Afghanistan – Folge 1 Wippchen