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Monat: Mai 2016

Humboldts Afghanistanbild

Humboldts Afghanistanbild

Faszination Afghanistan - Folge 2 Humboldt

Wie sieht der weltweit bekannte deutsche Universalgelehrte Alexander von Humbold in der Mitte des 19. Jahrhunderts Afghanistan? Welches Afghanistanbild vermittelt er in seinen Texten? Eine Fundstelle stelle ich heute vor. Sie stammt aus seinem berühmten Spätwerk „Kosmos“ (5 Bände, 1845-1862).

Im 1847 in Stuttgart und Tübingen bei Cotta erschienenen Werk „Kosmos. Entwurf einer physischen Weltbeschreibung untersucht Humboldt in einem ersten Teil den „Reflex der Außenwelt auf die Einbildungskraft: Dichterische Naturbeschreibungen.“(S. 3). Der Autor beginnt eine Reise nach innen:

„Jetzt betrachten wir den Reflex des durch die äußeren Sinne empfangenen Bildes auf das Gefühl und die dichterisch gestimmte Einbildungskraft. Es eröffnet sich uns eine innere Welt. Wir durchforschen sie, nicht um in diesem Buche von der Natur zu ergründen, — wie es von der Philosophie der Kunst gefordert wird —, was in der Möglichkeit ästhetischer Wirkungen dem Wesen der Gemüthskräfte und den mannigfaltigen Richtungen geistiger Thätigkeit zukommt; sondern vielmehr um die Quelle lebendiger Anschauung, als Mittel zur Erhöhung eines reinen Naturgefühls, zu schildern, um den Ursachen nachzuspüren, welche, besonders in der neueren Zeit, durch Belebung der Einbildungskraft so mächtig auf die Liebe zum Naturstudium und auf den Hang zu fernen Reisen gewirkt haben.“

Humboldt beschäftigt zunächst die Frage, was die „unvertilgbare Sehnsucht nach der Tropengegend“ bewirkt, die er als Zeitgeistphänomen Mitte des 19. Jahrhunderts in seinen Kreisen ausmacht. Er sieht den Ursprung dieses Fernwehs in bleibenden sinnlichen Erfahrungen, die während der Kindheit gemacht und damit tief verinnerlicht werden:

„…erinnern wir zuerst an die mehrfach sich wiederholende Erfahrung, daß oft sinnliche Eindrücke und zufällig scheinende Umstände in jungen Gemüthern die ganze Richtung eines Menschenlebens bestimmen. Kindliche Freude an der Form von Ländern und eingeschlossenen Meeren, wie sie auf Carten dargestellt sind, der Hang nach dem Anblick der südlichen Sternbilder, dessen unser Himmelsgewölbe entbehrt, Abbildungen von Palmen und libanotischen Cedern in einer Bilderbibel können den frühesten Trieb nach Reisen in ferne Länder in die Seele pflanzen.“ (S. 5)

Humboldt kann auch die eigenen Kindheitsimpulse benennen, die seine Sehnsucht nach fernen Ländern begründet haben:

„Wäre es mir erlaubt eigene Erinnrungen anzurufen, mich selbst zu befragen, was einer unvertilgbaren Sehnsucht nach der Tropengegend den ersten Anstoß gab, so müßte ich nennen: Georg Forster’s Schilderungen der Südsee-Inseln; Gemälde von Hodges die Ganges-Ufer darstellend, im Hause von Warren Hastings zu London; einen colossalen Drachenbaum in einem alten Thurme des botanischen Gartens bei Berlin. Die Gegenstände, welche wir hier beispielsweise aufzählen, gehörten den drei Classen von Anregungsmitteln an, die wir früher bezeichneten: der Naturbeschreibung, wie sie einer begeisterten Anschauung des Erdenlebens entquillt, der darstellenden Kunst als Landschaftmalerei, und der unmittelbaren objectiven Betrachtung charakteristischer Naturformen.“ (S. 5)

Humboldt setzt sich mit der ihm bekannten Weltliteratur auseinander und klassifiziert die ihm bekannten indische Literatur als „überreich“ und „naturbeschreibende Poesie“:

„Die überreiche dichterische Litteratur der Inder lehrt, daß zwischen den Wendekreisen und denselben nahe, südlich von der Himalaya-Kette, immer grüne und immer blüthenreiche Wälder die Einbildungskraft der ost-arischen Völker von je her lebhaft anregten, daß diese Völker sich zur naturbeschreibenden Poesie mehr noch hingeneigt fühlten als die im unwirthbaren Norden bis Island verbreiteten ächt germanischen Stämme.“ (S. 32)

Über klimatischen Bedingungen des „südliche Asien“ – und damit meint Humboldt neben Persien auch Afghanistan und das heutige Pakistan – schreibt Humbold:

„Eine Entbehrung oder wenigstens eine gewisse Unterbrechung des Naturgenusses ist aber auch den beglückteren Klimaten des südlichen Asiens eigen. Die Jahreszeiten sind schroff von einander geschieden, durch Wechsel von allbefruchtendem Regen und staubig verödender Dürre. In Persien (der west-arischen Hochebene) dringt die pflanzenleere Wüste mannigfach busenförmig in die gesegnetsten Fruchtländer ein. Waldung bildet oft in Mittel- und Vorderasien das Ufer der weitgedehnten inneren Steppenmeere. So gewähren dem Bewohner jener heißen Klimate die räumlichen Verhältnisse des Bodens in horizontaler Richtung denselben Contrast der Oede und des Pflanzenreichthums als in senkrechter Richtung die schneebedeckten Bergketten von Indien und Afghanistan. Großartige Contraste der Jahreszeiten, der Vegetation und der Höhe sind aber überall, wo eine lebendige Naturanschauung mit der ganzen Cultur und den religiösen Ahndungen eines Volksstammes verwebt ist, die anregenden Elemente dichterischer Phantasie.“ (S. 32)

Humboldt benennt „großartige Contraste der Jahreszeiten, der Vegetation und der Höhe“ als Grund für die aus seiner Perspektive „dichterische Phantasie“ der Poeten Mittel- und Vorderasiens, die ihm durch die Lektüre von Übersetzungen der Werke von Hafis, Nezāmi, Rumi u.a. durch Joseph von Hammer-Purgstall und Friedrick Rückert bekannt waren.

Aus dieser Beschreibung der „großartigen Contraste der Jahreszeiten, der Vegetation und der Höhe“ lässt sich aus heutiger Sicht die Neugierde und Weltoffenheit des Universalgelehrten Alexander von Humboldt herauslesen. Humboldt wäre gerne nach Kabul gereist, wie er 1811 notierte. Aber leider kam ihm der Napoleon-Feldzug von 1812 in die Quere. So ist und bleibt Afghanistan für Humboldt ein Sehnsuchtsort. Ein Land, das er gerne tatsächlich bereist hätte.

Quellenangaben:
In: Humboldt, Alexander von: Kosmos. Entwurf einer physischen Weltbeschreibung.
Bd. 2. Stuttgart u. a., 1847. In: Deutsches Textarchiv
http://www.deutschestextarchiv.de/humboldt_kosmos02_1847/4, abgerufen am 29.05.2016, S. 31 f.

Humboldt, Alexander von: Kosmos. Entwurf einer physischen Weltbeschreibung.
Bd. 2. Stuttgart u. a., 1847. In: Deutsches Textarchiv
http://www.deutschestextarchiv.de/humboldt_kosmos02_1847/4, abgerufen am 29.05.2016.

Bildquelle: http://www.deutschestextarchiv.de/humboldt_kosmos02_1847/4

Wippchen’s sämmtliche Berichte

Wippchen’s sämmtliche Berichte

Faszination-Afghanistan-Folge-1-Wippchen
Mein heutiger erster Beitrag stellt ein Buch vor, dass der Schriftsteller und Satiriker Julius Stettenheim 1885 in Berlin veröffentlichte.

Der Herausgeber stellt darin einen Feuilletonisten vor, der in „Briefen aus Bernau“ das Zeitgeschehen des späten 19. Jahrhunderts kommentiert.
Die Kunstfigur „Herr Wippchen“, mit der Julius Stettenheim Berühmtheit erlangte, schreibt als „Kriegsberichterstatter“ u.a. auch über den zweiten Anglo-Afghanischen Krieg (1878-1880).

Meine Analyse zum Download als PDF (572 KB):
Faszination Afghanistan – Folge 1 Wippchen

Imaginationen vom Hindukusch

Imaginationen vom Hindukusch

Was ist es, dass mich bis heute an Afghanistan so fasziniert? Ist es der Name dieses zentralasiatischen Landes? Seine Abgeschiedenheit und Lage? Die grandiose Natur mit weitläufigen Hochebenen, feuchtheißen Tälern und den überwältigend hohen Gebirgszügen des Hindukusch? Ja, die natürlichen Gegebenheiten dieses wunderschönen Landes haben sich mir unauslöschlich eingeprägt. Es ist Kargheit gepaart mit Erhabenheit, Strenge und Härte in den extremen Ausprägungen der jeweiligen Jahreszeiten und ihr immer wiederkehrender Wechsel. Die Schönheit eines warmen Frühlingstages in Kabul mit blühenden Mandelbäumen und üppig-grünen Gärten und Parkanlagen bleibt mir ebenso im Gedächtnis wie die Eindrücke, die monatelang tief verschneite Berge, sich unter den Schnee duckende Lehmhäuser und durch den Schneematsch quälende frierende Menschen auf Fahrrädern hinterlassen.

Was mich am meisten an diesem einmalig schönen Land beeindruckt, sind seine Menschen. Es ist, als hätten Afghaninnen und Afghanen seit jeher ein besonders schweres Schicksal zu tragen. Man sieht es ihnen förmlich an. Das wechselhafte Auf und Ab der Geschichte ihres Landes hat tiefe Spuren in den Gesichtern und kollektive Traumata in ihrer Psyche hinterlassen. Ich bin nie zuvor so vielen Menschen begegnet, aus deren dunklen Augen ich so viel tiefes Wissen um die Schwere des Lebens erkennen konnte. Selbst Kinderaugen schauen einen wissend an. Es ist, als ob das harte Schicksal dieser Nation und die widrigen Umstände des täglichen Lebens in die Gesichter gezeichnet sind und spiegeln, was ist. Gleichzeitig habe ich niemals zuvor eine so große Anzahl von Menschen kennen gelernt, die im wahrsten menschlichen Sinne schön zu nennen sind. Die Augen der Menschen, die einem in Afghanistan ansehen, haben oft schon alles gesehen, was menschenmöglich ist. Aber sie strahlen eine ungebrochene Würde aus, Hoffnung und Zuversicht. Selten habe ich Frauen allen Alters so grazil auf hochhackigen Schuhen und nur durch dünne Nylonstrümpfen vor der Kälte geschützt durch den Schneematsch gehen sehen, als im winterlichen Stadtbild von Kabul. Und sehr oft sind mir junge und ältere Männer aus unterschiedlichen Schichten und den verschiedensten Regionen des Landes begegnet, die selbst bei größter Hitze darauf achten, dass ihre Langhemd-Hosenkombination untadelig gebügelt ist.

Afghanistan, seine Geschichte, seine Gesichter und das Schicksal der Menschen, denen ich begegnet bin, berühren und bewegen mich deshalb weiterhin. Es sind vier Jahrgänge junger Germanistinnen und Germanisten, denen ich im täglichen Umgang an der Universität Kabul in den Jahren 2002 bis 2007 begegnete und die sich neugierig, weltoffen und mit Begeisterung und teilweise großem Talent der deutschen Sprache, Literatur und Kultur öffneten. Im Dialog mit ihnen konnte ich erahnen, welches menschliche Potential, welch enorme positive Kreativität und gestaltende Kraft diese Generationen junger Afghaninnen und Afghanen des 21. Jahrhunderts haben. Meine afghanischen Kolleginnen und Kollegen, die ihre Rolle als Mittler zwischen den Kulturen, Erzieher und Begleiter dieser jungen Studentengeneration mit großem Ernst und trotz aller Entbehrungen und Widrigkeiten mit großem Enthusiasmus leben, haben mich nachhaltig beeindruckt. Sie bleiben mir Vorbild und Ansporn.

Ich kehrte aus Afghanistan zurück und nahm einen Wissensschatz mit. Dieser Schatz bestand aus einigen Büchern, die Afghanistanreisende geschrieben haben und die teilweise längst vergriffen sind. Ich begann also, alte Reiseberichte, Erzählungen und Romane von deutschsprachigen Autoren zu suchen und zu sammeln. Heute füllen rund 150 Bücher aus verschiedenen Epochen und zu verschiedenen Themenbereichen Afghanistans das alte hölzerne Vertiko meiner Großmutter. Das Vertiko steht unverwüstlich im Wohnungsflur und hat schon diverse Umzüge miterlebt. Die Bücher begleiten mich um die Welt. Und manchmal setze ich mich vor das Vertiko, öffne die beiden Flügeltüren, atme für einen Moment den wunderbaren Geruch nach Holz und Papier ein und streiche mit dem Finger über all die Buchrücken, die dort auf vier Regalbrettern im geheimnisvollen Halbdunkel warten und verheißungsvolle Titel tragen.

Und nun, zehn Jahre, nachdem ich das erste Buch entdeckt habe, packe ich diese wartenden Schätze aus: Ihrem Erscheinungsdatum folgend, werde ich in chronologischer Folge die Bücher vorstellen und mir dabei die Frage stellen, welches Bild von Afghanistan sie vermitteln. Was erfahren wir durch diese Werke über Afghanistan? Welche Bilder von diesem bemerkenswerten Land prägen und hinterlassen die Texte deutschsprachiger Autorinnen und Autoren? Welche Geschichten erzählen die Bücher über Afghanistan und die jeweilige Zeit und welchen Imaginationen der Menschen und Geschehnisse begegnen wir durch diese Texte?

Meinen Blog widme ich den Studentinnen und Studenten der Germanistik an der Deutschabteilung der Universität Kabul der Jahrgänge. Ihr Schicksal liegt mir am Herzen und Ihnen bleibe ich in Dankbarkeit verbunden.

In Kürze folgt an dieser Stelle meine erste Buchvorstellung…